Politikimpuls
Energie-Infrastruktur in der Transformation braucht investitionsfreundliche Regulierung
Wie sich der NEST-Prozess auf die Energiewende auswirkt
Die Gaswirtschaft bleibt ein zentraler Pfeiler der Energieversorgung. Erdgas deckt weiterhin mehr als ein Viertel des deutschen Primärenergieverbrauchs und stellt eine verlässliche Versorgung für die Hälfte aller deutschen Haushalte, der Stromerzeugung und der Industrie sicher. Das Erdgasversorgungssystem ist darauf ausgelegt, alle Kunden auch bei eisigsten Temperaturen zuverlässig mit Erdgas zu versorgen. Die Versorgung mit Erdgas in Deutschland haben wir seit 2022 sehr schnell von russischem Erdgas auf den Import von verflüssigtem Erdgas aus den USA umgestellt. Das bedeutet aber auch, dass unser Transportsystem ganz anders beansprucht wird. Eine wichtige Rolle spielen regionale Untertagespeicher, um im Winter große Mengen für den Heizbedarf effizient bereitstellen zu können. Im vergangenen Winter haben wir gesehen, dass diese Erdgasspeicher schnell auf einen niedrigen Füllstand gefallen sind, der zum Ende des Winters bei 21 % lag. Die Kältewelle im Januar in ganz Europa hat uns damit die Bedeutung der Speicher deutlich vor Augen geführt. Dazu haben wir mit unserem Verband FNB Gas einen Vorschlag erarbeitet, wie sich diese jährliche Speicherproblematik lösen ließe: das sogenannte Kombi-Modell.
Verlässliche Versorgung braucht Investitionen
Das Fernleitungsnetz steht vor einer großen Herausforderung: Seit keine Gaslieferungen mehr aus Russland kommen, mussten wir das Erdgastransportsystem in ganz Europa von Ost-West auf West-Ost drehen. Die Haupt-Einspeisung für Erdgas liegt jetzt ausschließlich an der Nordseeküste. Durch Pipelinegas aus Norwegen und den LNG-Häfen in Deutschland, den Niederlanden und Belgien. Von hier aus werden verstärkt auch Ost- und Südosteuropa versorgt. Aufgrund dieser Ausrichtung transportieren allein wir durch unser OGE-Netz rund 2/3 des deutschen Erdgasverbrauchs. Das fordert unser Fernleitungsnetz zeitweise bis an die technische Auslastungsgrenze – das ist Gastransport im roten Bereich. Es wird deutlich: Ohne unser resilientes Fernleitungsnetz wäre die Versorgungssicherheit in Deutschland nicht darstellbar. Deshalb sind erhebliche Investitionen in die Energieinfrastruktur erforderlich, um auch in Zukunft ein top aufgestelltes und resilientes Transportsystem zur Verfügung zu stellen, das auch in außergewöhnlichen Situationen in der neuen Aufkommensstruktur sicher transportiert. Dazu sind erhebliche (Re-) Investitionen in die Infrastruktur notwendig, um die Kapazitäten für neue LNG-Terminals und den Weitertransport Richtung Süden sowie den Anschluss neuer Kraftwerke sicherzustellen.
Gleichzeitig befindet sich die Gasinfrastruktur in einer tiefgreifenden Transformation, um den Klimazielen Deutschlands und der Nachfrage der Industrie nach Optionen zur Dekarbonisierung gerecht zu werden. Als größter Fernleitungsnetzbetreiber Deutschlands gewährleistet OGE jederzeit eine sichere Erdgasversorgung, baut das Wasserstoff-Kernnetz auf und schafft die Grundlagen für eine zukünftige CO₂-Transportinfrastruktur. Diese parallelen Aufgaben erfordern gleichzeitig erhebliche Investitionen in die Infrastrukturen für den Transport von Erdgas, Wasserstoff und CO2, die die Netzbetreiber leisten müssen.
Damit diese Investitionen realisiert werden können, braucht es einen stabilen und investitionsfreundlichen Regulierungsrahmen. Die Reform der Netzregulierung im Rahmen des NEST-Prozesses wird daher zu einer entscheidenden Weichenstellung für Investitionen in die Energie-Infrastruktur.
NEST-Reform: entscheidend für Investitionen
Mit dem NEST-Prozess („Netze. Effizient. Sicher. Transformiert.“) hat die Bundesnetzagentur (BNetzA) in den vergangenen zwei Jahren eine umfassende Reform der Netzregulierung vorbereitet. Erste wesentliche Rahmenbedingungen wurden Ende 2025 festgelegt. Bereits diese Beschlüsse lassen erwarten, dass sich die regulatorischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Netzbetreiber deutlich verschlechtern werden.
Die Kostenregulierung der BNetzA gibt den Netzbetreibern sogenannte Effizienzvergleiche vor, die die Kosten senken sollen. Dies kann aber dazu führen, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Investoren nicht mehr ausreichend für weitere Investitionstätigkeiten sind. In einem nächsten Schritt folgen nun zentrale BNetzA-Festlegungen zu den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Netzbetreiber – etwa zur Eigenkapitalverzinsung (WACC), der zentralen Größe für die Finanzierung von Netzinvestitionen, oder zum Effizienzvergleich.
Diese Parameter bestimmen maßgeblich, unter welchen wirtschaftlichen Bedingungen Netzbetreiber künftig investieren können und ob der Sektor für Investoren attraktiv bleibt. Kapitalmarkt-Akteure beobachten diese Entwicklung sehr genau: Verschlechtern sich regulatorische Rahmenbedingungen, werden Investitionen zurückgestellt. Ein unattraktives Risiko-Rendite-Verhältnis wird dazu führen, dass Kapital in andere Märkte abgezogen wird. Denn Investoren achten genau darauf, wie hoch das Risiko einer Investition im Verhältnis zur möglichen Rendite ist. Deswegen muss die Politik in Zukunft attraktivere Investitionsbedingungen schaffen.
Effizienz und Investitionen in Balance bringen
Gerade in der aktuellen Phase der Transformation der Gasnetze sind erhebliche Investitionen erforderlich, die zu einem großen Teil über privates Kapital finanziert werden müssen. Fernleitungsnetzbetreiber sind darauf angewiesen, Investoren für neue Infrastrukturen – insbesondere für das Wasserstoffnetz – zu gewinnen. Umso schädlicher ist es, wenn regulatorische Entwicklungen Investitionsanreize ausgerechnet in einer Phase schwächen, in der besonders viel Kapital für die Transformation mobilisiert werden muss.
Transformation braucht Planungssicherheit
Die Energieinfrastruktur der Zukunft entsteht jetzt: Wasserstoffnetze, CO2-Transport und die sichere Versorgung mit Erdgas während der Transformation müssen parallel organisiert werden.
Die kommenden Festlegungen im NEST-Prozess werden daher maßgeblich darüber entscheiden, ob der regulatorische Rahmen die Transformation der Energieinfrastruktur aktiv ermöglicht – oder ob notwendige Investitionen in einer Phase besonders hoher Infrastrukturbedarfe ausgebremst werden.
Werden Investitionen in Infrastruktur verzögert oder erschwert, betrifft dies nicht nur Netzbetreiber. Es hat unmittelbare Auswirkungen auf die Geschwindigkeit der Energiewende, die Versorgungssicherheit sowie die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland.
Uns als Gasnetzbetreiber wird durch den NEST-Prozess ein gewisser Finanzspielraum genommen, den wir benötigen, um gleichzeitig die Energiewende voranzutreiben und Versorgungssicherheit zu gewährleisten.
In Anbetracht dieser Ziele muss man sich die Frage stellen, ob ein rein auf Effizienz getrimmtes Regulierungssystem im Zeitalter der Transformation noch zeitgemäß ist. Angesichts der enormen Herausforderungen und Investitionssummen, die für die Energiewende notwendig sind, entstehen bei uns große Zweifel.
Wir brauchen ein politisches und gesellschaftliches Bekenntnis zur Versorgungssicherheit mit Erdgas und zur Energiewende mit Wasserstoff-Kernnetz und CO2-Transportnetz, damit der Wirtschafts- und Industriestandort Deutschland zukunftsfähig bleibt. Das muss sich auch in den kommenden Festlegungen der Bundesnetzagentur widerspiegeln.
